AK Perspektive

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[Bearbeiten] Einführung

Der "Arbeitskreis Perspektive" versucht die konkretisierten Forderungen in Verbindung zu setzen mit notwendiger Gesellschafts- und Wirtschaftskritik. Bildungspolitisch relevante Argumentationspunkte werden unter diesem Ansatz auf ihren essentiellen Ausgangspunkt bezogen analysiert.


Zentrale Fragen der Auseinandersetzung sind demzufolge:

1. Was passiert nach dem Bildungsstreik 2009?

2. Gibt es Perspektiven und Handlungsbedarf nach etwaiger Erfüllung der gesammelten Forderungen?

3. Lassen sich die bildungspolitischen Argumentationspunkte überhaupt mit dem aktuellen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vereinbaren?


Informationen zu Ansprechpartner und Sitzungsterminen findet ihr an den Brettern der verschiedenen Arbeitskreise im besetzten Hörsaal I/013.


[Bearbeiten] Communiqué vom 07.12.2009

Seit nunmehr fünfzehn Tagen wird die Pädagogische Hochschule Karlsruhe von den Studierenden besetzt. Seit nunmehr fünfzehn Tagen wird ein tägliches Plenum im besetzten Hörsaal einberufen. Seit nunmehr fünfzehn Tagen werden Forderungen artikuliert und zusammengetragen, Organisationsstrukturen aufgebaut und Vernetzungen zu anderen besetzten Hochschulen und Universitäten hergestellt. Seit nunmehr fünfzehn Tagen besteht eine Vielzahl verschiedenster Arbeitskreise, welche sich bestimmten Schwerpunktthemen widmen.

Einer dieser Arbeitskreise trägt den Titel „Perspektive“. Was aber möchten die Studierenden dieser Bewegung erreichen, welche Grundpositionen und Zielsetzungen werden hierbei diskutiert, welche Stellung nimmt der Arbeitskreis Perspektive innerhalb des Bildungsstreiks 2009 an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe ein?

Der gewählte Titel unseres Arbeitskreises – Perspektive – leitet sich ab aus dem lateinischen „perspicere“, was sich übersetzen lässt mit „hindurch sehen, hindurchblicken“. Der Duden erweitert diese Definition um den zeitlichen Aspekt: Perspektive vermittelt hierbei eine Sichtweise, einen Standpunkt, einen Blickwinkel auf Zukunfts- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Und genau hierauf setzt unser Arbeitskreis seinen Analyseschwerpunkt: In welchem System werden unsere Forderungen artikuliert? Lassen sich innerhalb dessen die gesammelten Änderungsmöglichkeiten überhaupt über einen längeren Zeitraum realisieren? Oder stehen unsere Wünsche, Anliegen und Verlagen nicht etwa in einem klaren Gegensatz zu bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen?

Folglich wird sich der erste Arbeitsschritt mit einer skizzierenden Untersuchung des bestehenden Systems befassen: Wie also definieren wir unser aktuelles System, das System mit der Bezeichnung Kapitalismus? Hierzu der große Ökonom: „In der kapitalistischen Welt wird alles [und damit auch die Bildung] zur Ware. Waren [oder Bildungsgänge] dienen nicht dem persönlichen Gebrauch, sie sind Produkte, die gefertigt werden, um Profit auf Märkten zu erzielen. Auch die menschliche Arbeitskraft [am Ende eines jeden Bildungsganges] verkommt somit zur Ware.“ Quelle

Eine absolute Marktorientierung, maximal profitable Verwertbarkeit statt selbst bestimmt Leben und Lernen, wirtschaftlich orientierte Selektion statt persönlichem Bildungsinteresse – das sind für uns in diesem Kontext die fundierten Grundlagen kapitalistischer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.

Dabei wollen wir an dieser Stelle keine Vorhersagen über ein mögliches Ende des Kapitalismus treffen, sondern stattdessen klarstellen, „dass menschenfreundlichen Reformen im Kapitalismus systematisch enge Grenzen gezogen sind.“ Quelle


Wir fordern die Abschaffung der Studiengebühren!

Anhand dieser Forderungen im Rahmen des Bildungsstreiks möchten wir aufzeigen, in welchem klaren Gegensatz diese Ansprüche seitens der Studierenden mit dem bestehenden Ordnungssystem stehen:

1) Studiengebühren sind nicht gerecht

„Pro-Behauptung eins: Studiengebühren seien aus Gründen der sozialen Verteilungsgerechtigkeit erforderlich, da öffentliche Hochschulen aus dem Gesamtsteueraufkommen finanziert werden. Dieses werde überwiegend von den unteren und mittleren Einkommensgruppen erbracht, während an den Hochschulen vor allem Angehörige der „oberen“ sozialen Schichten studierten. Faktisch bedeute daher ein „kostenfreies“ Studium eine Umverteilung „von unten nach oben“. Eine private Kostenbeteiligung der Nutzern von Hochschulen sei folglich geboten.

Richtig ist: In letzter Konsequenz würde die schrittweise Privatisierung von zuvor öffentlich finanzierten Bildungskosten auch noch das Minimum an realisierter Bildungsgerechtigkeit beseitigen. Die im gegenwärtigen Steuersystem angelegte Umverteilung von unten nach oben würde auf diese Weise lediglich fortgesetzt und weiter verschärft werden.

2) Sozialverträgliche Studiengebühren gibt es nicht

Pro-Behauptung zwei: Die Vorteile von Studiengebühren überwögen ihre möglichen Nachteile (etwa einer sozial ungleichen Verteilung von Bildungschancen) dann, wenn ihre Einführung mit einem sozial verträglichen Finanzierungssystem verbunden sei, welches jeder und jedem ermögliche, unabhängig vom Einkommen des Elternhauses zu studieren.

Richtig ist: Bisher konnte weder empirisch noch theoretisch nachgewiesen werden, dass „sozialverträgliche“ Studiengebühren möglich sind. Die entsprechenden Modelle, die solches behaupten, laufen lediglich auf eine strukturelle Individualisierung der Chancenungleichheit hinaus.

3) Nichtexistente „Konsumentensouveränität“

Pro-Behauptung drei: Studiengebühren stärkten die Position von Studenten innerhalb der Hochschule. Wenn Studenten als Kunden geworben werden müssten, würde die Qualität der Lehre perspektivisch besser werden.

Richtig ist: Studiengebühren erhöhen keineswegs den gesellschaftlichen oder hochschulpolitischen Einfluss von Studenten. Gebühren hätten vielmehr die Konsequenz, das Recht auf Bildung weiter auszuhöhlen und politische Beteiligungsrechte zu reduzieren. Gleichzeitig verstärken sie Fremdbestimmung und Abhängigkeit von den anonymen gesellschaftlichen Wirkungsmächten des Marktes. Sie fördern schließlich ein Bildungsverhalten und indirekt auch eine Wissenschaftsentwicklung, die an kurzfristiger Verwertbarkeit mehr orientiert sind als an realer Problemlösung. Eine solche Entwicklung wäre gesellschaftlich nicht wünschenswert.

4) Geld ist genug da

Pro-Behauptung vier: Es sei kein Geld mehr da. Wir hätten lange Zeit über unsere Verhältnisse gelebt und müssten alle den Gürtel enger schnallen. Da folglich die staatlichen Bildungsausgaben prognostizierbar weiter sänken und gleichzeitig die gesellschaftliche Nachfrage nach weiter führenden Bildungswegen steige, gebe es zu einer privaten Kostenbeteiligung keine Alternative.

Richtig ist: Es ist genug Verteilungsmasse für eine expansive öffentliche Bildungsfinanzierung vorhanden – politischer Wille beziehungsweise ein entsprechender politischer Druck vorausgesetzt. Die besondere Frivolität des Argumentes „leere Kassen“ besteht darin, dass es sich bei diesem Zustand um eine Folge von Privatisierungspolitik der jüngeren Vergangenheit handelt, also um einen politisch herbeigeführten „Sachzwang“, der wiederum dazu herhalten muss, eine weitere Kostenprivatisierung öffentlicher Aufgaben zu begründen – eine ins Unendliche weiterführende Spirale.“ Quelle


Die Gründe, welche zur Einführung der Studiengebühren geführt haben, beziehen sich einzig und allein auf die gesellschaftliche Selektion bourgeoiser Bevölkerungsschichten. Durch die Ausgrenzung wird ganz bewusst und erfolgreich versucht Proletarier von Bildung fernzuhalten.

Aufgrund dieser Intention verkommt die Bildung in dem bestehenden kapitalistischen System zu einer Ware, zu deren Zugang nur gut situierte Individuen die Möglichkeit haben.

Gewinnmaximierung und alleinige Profitorientierung – das sind die grundlegenden Motive zur Einführung von Studiengebühren. Gewinn versprechend jedoch nur für eine kleine Bevölkerungsschicht, die neben diesem sogleich auch die Hauptverantwortung dieser finanziellen Bildungshürde trägt.

Hierfür gilt es im Rahmen des Bildungsstreiks ein Bewusstsein unter den Studenten zu entwickeln; um beim Beispiel Studiengebühren zu bleiben: Abschaffung der kostenbedingten Studienzugängen wird immer im Gegensatz zu kapitalistischen Grundgedanken stehen. Doch gab es in der nahen Vergangenheit nicht auch gebührenfreie Studienmöglichkeiten innerhalb eines kapitalistischen Systems – der sozialen Marktwirtschaft? Sicherlich, jedoch sehen wir die große Gefahr einer stetig vorhanden Öffnung und Umwandlung hin zu einer freien (oder in anderen Worten: radikalen) Wirtschaftsordnung.

Und wenn wir mit unserer Forderung (Abschaffung der Studiengebühren) nun doch politischen Erfolg haben, stellt sich die Frage, ob sich nächste Generation nicht auch am gleichen Punkt wie wir heute, am 07.12.2009, befinden werden.

Gelingt es uns tatsächlich innerhalb des Haifischbeckens einer kapitalistischen Ordnung eine soziale Insel der Bildungspolitik aufzubauen und zu erhalten?


Wir sagen: Nein!


Für Solidarität und freie Bildung!

Für Solidarität und freie Bildung auf Grundlage einer sozialistischen Gesellschaft!


Arbeitskreis Perspektive im Dezember 2009

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